In einem wiederkehrenden Schwall bekomme ich das Gefühl, ich kann es nicht mehr halten. Mit voller Blase muss ich warten. Es ist mir peinlich, dass ich hier stehe. Ich hasse es, dass ich meine Zeit vergeude, wie schon viel zu oft. Hier in der U-Bahnstation, fünf Meter vor dem Damenklo.
Meine Freunde und Freundinnen sind oben im Park, diskutieren und trinken. Anstatt bei ihnen zu sein, stehe ich herum und versuche an etwas anderes zu denken als an die zwei Bier, die aus mir raus wollen. Was mich am Warten vorm Klo fast am meisten ärgert, ist, dass es mich spüren lässt, dass die Welt noch immer ein Stück mehr für Männer gebaut ist. Während ich den Beckenbodengott beschwöre und hoffe, dass die Regengöttin nicht zuhört, spazieren Männer an mir vorbei, Schnurstraks in das für sie bestimmte Örtchen. Ich sehe einen mit skeptischem Blick herankommen, er fragt der Warteschlange entgegen: „Muss ich mich auch anstellen?“. Ich werfe ihm ein genervtes „Nein“ zurück und deute nach rechts, Richtung Männerklo. Mich frisst gefühlt nicht nur meine eigene Harnsäure, sondern auch der Neid. „Warum?“, frage ich mich selbstmitleidig.
Auf dieses Warum lässt sich eine, zugegeben schon sehr abgenutzte, Antwort finden: Geld. Einem Falter-Artikel von 2014 zufolge kostet eine WC-Anlage dem Bezirk, in dem sie steht, zwischen 30 000 und 150 000 Euro pro Jahr. Daher werden die öffentlichen Klos auch immer weniger. Einst waren es 330, jetzt gibt es in Wien laut Gemeindehomepage 157 öffentliche WC-Anlagen, vier von ihnen sind derzeit geschlossen. Hinzu kommen 18 Pissoire.

Frauen brauchen länger
Männer sind bei der Suche nach einem stillen Örtchen also klar im Vorteil. Das erklärt die immer längeren Warteschlangen vor Damen-, als vor Herrenklos. Hinzu kommt, dass die Kleidung von Frauen oft umständlicher zum An- und Ausziehen ist, während Männer zum Pinkeln oft nur den Hosenstall öffnen müssen. Menstruierende Frauen müssen ihre Tampons und Binden wechseln oder ihre Tassen entleeren. Und da Frauen in den meisten Fällen nicht im Stehen pinkeln, müssen sie eine gute Hockposition finden oder ihren Sitzplatz präparieren. Kurz: Frauen brauchen im Durchschnitt länger.
Keine Diskriminierung
Von den Anlagen, die die Stadt betreibt, werden 25 tagsüber von einer Klofrau oder einem Klomann betreut. Hier kostet die Benützung 50 Cent. Pissoire sind häufig von außen zugänglich und daher gratis. Für den Betreiber sind Pissoire deutlich billiger, weil sie weniger Platz brauchen, weniger Wartung benötigen und weniger anfällig für Vandalismus sind. Dass Männer nicht nur mehr Möglichkeiten zum Wasserlassen haben, sondern auch weniger oft dafür zahlen müssen, ist, rechtlich gesehen, keine Diskriminierung. Das zumindest hat der, dem Bundeskanzleramt zugehörige, Senat III der Gleichbehandlungskommission entschieden.
„Wenn zwei Menschen auf eine Toilette gehen müssten und die einen würden etwas bezahlen müssen und die anderen würden nichts bezahlen müssen, dann sei das eine ganz klare Ungleichbehandlung.“
Eine Frau, die oft auf Dienstreisen und daher auf öffentliche Toiletten angewiesen war, hat die Sache im Jahr 2010 prüfen lassen. Sie kam bei einem Klobesuch zu dem Schluss: „Wenn zwei Menschen auf eine Toilette gehen müssten und die einen würden etwas bezahlen müssen und die anderen würden nichts bezahlen müssen, dann sei das eine ganz klare Ungleichbehandlung“. Die Betreiberfirma argumentierte, dass sie für zwei verschiedene Leistungen, Einzelkabine und Pissoir, eben zwei verschiedene Preise verlangen konnten. Dass Frauen und Männer diese nicht in gleicher Weise benutzen können, ergebe sich aus körperlichen Unterschieden und nicht aus der Ungleichbehandlung des Toilettenbetreibers. Der Senat stimmte zu.
Im Stehen pinkeln
Körperliche Unterschiede? Da war doch was! Die Anatomie der meisten Frauen (Transfrauen und andere ausgeschlossen) lässt es nicht zu, ohne Sudelei ein Pissoir zu benutzen. Doch mehrere Firmen versprechen Abhilfe. Mit einem kleinen Trichter-Gefäß, umgangssprachlich Urinella genannt, sollen Frauen im Stehen pinkeln können. Aber wohin mit dem benutzten Ding? Und gibt es die nötige Akzeptanz, wenn eine Frau ihr kleines Geschäft an einem öffentlichen Ort im Stehen erledigt? Seit mindestens acht Jahren werden auf dem deutschen Musikfestival „Fusion“ Einweg-Urinellas aus Pappe verteilt. Doch auch wenn feiernde Festivalbesucherinnen ihre Freude daran haben, scheint sich das Gerät im Alltag nicht durchzusetzen.

Bedrohung für Gesundheit, Mobilität und Gleichheit
Der Mangel an öffentlichen Toiletten ist nicht nur ein Geschlechterproblem. Er stellt laut der britischen Gesundheitsorganisation Royal Society for Public Health (RSPH) eine Bedrohung für die Gesundheit, Mobilität und Gleichheit einer Gesellschaft dar. In deren Erhebung „Taking the P***“ von 2019 sagte ein Fünftel der Befragten, dass sie lieber zuhause blieben, wenn sie wüssten, dass an einem Ort zu wenige Toiletten seien. Unter Menschen mit gesundheitlichen Problemen waren es sogar zwei Fünftel. Mehr als die Hälfte der Befragten gab aus denselben Gründen an, unterwegs weniger zu trinken. Daher empfehlen die StudienverfasserInnen, mehr öffentliche Toiletten zu bauen. Beim Thema Frauenklos und Männerklos, bzw. Pissoire sprechen sie sich für eine faire Verteilung aus. Und nicht zuletzt regt die Erhebung dazu an, im öffentlichen Diskurs mit dem Toiletten-Tabu zu brechen.
Das möchte ich nun auch tun – für meine Oma. Sie hat mir vor einiger Zeit gestanden, dass sie nicht mehr in die Stadt einkaufen geht, weil sie Angst hat, im Notfall kein Klo zu finden. Und für meinen Schwager, der ständig mit seiner Verdauung zu kämpfen hat. Und natürlich für mich mit meiner vollen Bierblase. Nach einer gefühlten halben Stunde Wartezeit kann ich in der metallenen Kabine endlich laufen lassen, was mich die ganze lange Zeit bedrückt hat. Befreiung! Doch als ich entspannt die Tür öffne, erblicke ich knappe zehn weitere verzwickte Gesichter. Das Problem lässt sich nicht einfach wegspülen.
Wusstest du, dass…
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- Miktion der medizinische Begriff für Harnlassen ist?
- Die Donaustadt mit 23 WC-Anlagen an der Spitze aller Wiener Bezirke steht?
- Rudolfsheim-Fünfhaus mit bloß einem öffentlichen Pissoir der absolute Buhmann unter den Bezirken ist?
- Die Wiener Toiletten, die von Wartungspersonal betreut werden, mit Defibrillatoren ausgestattet sind?
- Vor etwa 200 Jahren noch Männer und Frauen mit der Berufsbezeichnung AbtrittsanbieterInnen als wandelnde öffentliche Klos tätig waren?

Ich liebe solche Geschichten, die makromäßig – scheinbar unwichtige Dinge im Vergrößerungsglas beleuchten. Sehr gelungen und absolut wahr – weil ähnlich hundertfach erlebt.
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Danke dir 💜
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Free my shit please !
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