Wer gegen Gleichmacherei wettert, ist gegen Pluralismus. Meine bärtige, BH-tragende Mitbewohner*in hilft mir, diesen Widerspruch zu begreifen.
Seit einer Woche ist Michael nun Anna. Wir, ihre Mitbewohnerinnen, bemühen uns sie bei ihrem selbstgewählten Namen anzusprechen. Es ist ein Ausprobieren, wie sie sich damit fühlt, wenn sie von außen zur Frau erklärt wird. Jetzt steht sie vor mir und drapiert ihre Silikoneinlagen, Körbchengröße A, in den selbstgenähten Taschen ihres Sport-BHs. Mit den Worten „Findest du das weite oder das enge Top besser?“ dreht sie sich zu mir um. Ich versichere ihr, dass sie das enge tragen kann und widme mich dann dem Thema „Gleichberechtigung“, zu dem ich gerade recherchiere.
Ein Apfel ist keine Birne
Die liebe FPÖ steht laut ihrem letzten Wahlprogramm „für eine gelebte Gleichberechtigung“. Doch fast beschwichtigend fügen die Verfasser*innen hinzu: „Das bedeutet aber keine Gleichmacherei von Mann und Frau“. Die Genderwissenschaftlerin Franziska Schutzbach erklärt in ihren Überlegungen zu Geschlecht und rechter Politik: „Die These von der ‚Gleichmacherei‘ verteidigt nicht Pluralismus, sondern den Erhalt traditioneller Unterschiede“. Ein Mann ist keine Frau, ein Apfel ist keine Birne. Zumindest nicht ohne Anstrengung. Eine Geburt, ein schreiendes Baby, dann die Bestimmung: „Es ist ein Bub“. Ab da begann für Anna, die damals für alle der kleine Michael war, das Erlernen und Ausüben von Männlichkeit. Nun, mit 24 Jahren, übt sie sich darin eine Frau zu sein. Das ist Arbeit, die Cis-Frauen, also nicht-transidente Frauen, schon ihre ganze Kindheit durch geleistet haben.
Gleich gleich, aber anders
Bei Anna treffen Merkmale des Weiblichen und Männlichen augenfällig in einer Person zusammen. Gleichmacherei bedeutet „das Charakteristische, Besondere einer Person zu negieren“, so steht es im Duden. Anna repariert Sachen in unserer Wohnung und trinkt gerne am Abend noch ein Bier. Außerdem kocht sie oft für alle und wird hibbelig, wenn sie sich freut. All das ist wahrscheinlich charakteristisch für sie. Ach ja, und sie hat einen Penis. Deswegen den BH ablegen? Das wäre doch Gleichmacherei!
