Was denkst du, Fini?

Menschen lieben Katzen. Sie gelten als eigensinnig, verspielt und mystisch. Aber darüber, wie sie wirklich denken und was sie von uns Menschen halten, haben wir immer noch wenig Ahnung. Hier ein Einblick in die Welt, wie sie Katzen sehen.

Fini ist manchmal wie ein Mensch. Sie schaut einen an, wenn man mit ihr redet. Sie gibt ein High-Five, wenn man ihr die Hand hinhält. Und wenn es um die feinen Fleischstücke geht, die in der Küche abfallen, wirkt sie richtig berechnend. Fini ist eine Gasthauskatze, sie ist an Menschen gewöhnt. Eine Glückskatze, um genau zu sein, denn ihr Fell ist weiß, mit roten und schwarzen Flecken. Ihre Augen wirken so, als würde sie uns verstehen. Sie ist Teil unserer Menschenwelt. Doch auf einmal streckt sie das Hinterbein in die Höhe und leckt sich da, wo viele Menschen bei sich selbst gern hinreichen würden. Ohne Scham. Dann hebt sie den Kopf, blickt konzentriert drein und huscht plötzlich in die Ecke, als würde sie vom Teufel verfolgt. Ohne ersichtlichen Grund. Wer selber Haustiere hat, kennt die beiden Seiten der Katzen: fast menschlich und doch so anders. „Was denkst du?“, würde man sie zu gern fragen. Spekulationen darüber gibt es schon seit 9500 Jahren – seit Menschen ihr Leben mit Finis, Minkis und Stupsis teilen.

Was uns unterscheidet

Was uns eindeutig von Tieren unterscheidet, ist die Sprache. Das macht es auch so schwer, sie zu verstehen. Allerdings wurde nachgewiesen, dass Katzen manche Maunzgeräusche nur für uns Menschen ertönen lassen. Damit können sie einfache Wünsche oder Gefühle äußern, wie Hunger oder Angst. Das Bewusstsein des Selbst ist ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zwischen Tier und Mensch. Ganz klar kann man die Grenze allerdings nicht ziehen. Um festzustellen, ob Tiere ein eigenes Bewusstsein besitzen, wenden Wissenschaftler seit den 1970er Jahren den sogenannten Spiegeltest an. Dabei malen sie den tierischen Probanden unbemerkt einen roten Punkt auf die Stirn und stellen ihnen einen Spiegel gegenüber. Wenn diese daraufhin versuchen, sich den Punkt zu entfernen, deutet es darauf hin, dass sie das Wesen im Spiegel als Ich erkennen. Menschenaffen, Delphine, asiatische Elefanten und einzelne Vogelarten haben den Test bestanden. Kleinkinder schaffen diese Selbsterkenntnis im Alter von zwei Jahren. Fini würde an dem Experiment kläglich scheitern. Bei Hunden und Katzen hat es noch nie funktioniert, obwohl gerade letztere in ihrer Sinneswahrnehmung sehr auf das Sehen konzentriert sind.

Das süße, faule Katzenleben

Wenn es etwas wie Karma gibt, muss Fini in ihren früheren Leben einiges richtig gemacht haben. Sie döst auf einem Stapel Zeitungen, mitten im Gasthaus. Fast jeder, der an ihr vorbeigeht, will ihr etwas Gutes tun, weil sie so süß ist. Ein Gast krault sie minutenlang am Kopf, wo sie es am liebsten hat. Ein anderer hat ihr Leckerlis mitgebracht. Fini lässt sich das gern gefallen, sie schließt die Augen bei besonders zärtlichen Streicheleinheiten. Doch irgendwann hat sie genug von der Liebelei. Dann hüpft sie von der Theke auf den Hocker und kommt schließlich wie eine Balletttänzerin am Boden an. Dankbarkeit hat sie nie gelernt. Mit einem Anschein von Selbstgefälligkeit durchschreitet sie den Raum, hopst auf die nächste Bank und rollt sich zur Garnele zusammen. Jetzt wird weitergeschlafen. Nicht umsonst haben Kreativlinge den Spruch: „Hunde haben Besitzer, Katzen haben Diener“ auf T-Shirts, Schilder und Postkarten drucken lassen. Aber nutzen Katzen uns wirklich aus?

Unter Ihresgleichen

Der Verhaltensforscher John Bradshaw beobachtet die Tiere seit Jahren, mit einem überraschenden Ergebnis: „Katzen verhalten sich Menschen gegenüber so, wie sie es anderen Katzen gegenüber tun würden. Sie heben ihre Schwänze, schleichen um unsere Beine, sitzen neben uns und putzen uns genauso, wie sie es untereinander tun“. Trotz ihrer Zutraulichkeit sollten ihre Besitzer Katzen nicht für sozialer halten als sie sind. Die Miezen können sehr grausam sein, wenn sie einander nicht leiden können. „Sehr viele kommen zum Tierarzt mit Wunden, die sie sich im Kampf mit Artgenossen zugezogen haben“, bedauert Bradshaw.

Leben unter Menschen

Hier im Gasthaus ist Finis Reich, vor den Gästen hat sie überhaupt keine Scheu. Wenn jemand mit einem Plastikbeutel raschelt, kommt sie herbeigestürzt. Es könnte ja was Schmackhaftes darin sein. Ein Stammgast im Lokal, der immer einen Snack für Fini dabei hat, begrüßt sie jedes Mal mit: „Maunzi, Maunzi, Maunzi“, während er seinen faltigen Mund verzieht und die Augen aufreißt. Bei den schrillen Tönen, die er dabei von sich gibt, muss sich Fini wohl manchmal fragen, ob er durchgeknallt ist. Oder hat sie etwa Mitleid mit uns absonderlichen Riesenkatzen?

Menschliche Gefühle

Es ist nicht so, dass Katzen uns nicht mögen oder respektieren würden. „Sie glauben nur, dass wir ungeschickt sind“, sagt Bradshaw. Schließlich zeigen wir angesichts möglicher Beutetiere einen ziemlich schwachen Jagdtrieb. Daher, so meinen Wissenschaftler, überbringen sie uns manchmal Fresspakete in Gestalt von halb erlegten Mäusen. Mitgefühl soll Katzen demnach nicht fremd sein, Trotz aber schon. So erklärt Katzenpsychologin Gabriele Müller: „Die Tiere sind überhaupt nicht dazu in der Lage, gedanklich solch menschliche Verknüpfungen wie Protest zu erstellen. Katzen denken nicht wie Menschen“. Wer glaubt, seine Minki habe ihm aus Protest ins Bett gepinkelt, liegt also falsch.

Der Star unter den Tieren

Während Fini sich, satt wie sie ist, zusammengerollt hat und weiterschlummert, wird um sie der Trubel immer mehr. Drei junge Männer haben sich über ein Smartphone gebeugt und biegen sich noch weiter, als das Filmchen, das sie schauen, offenbar eine witzige Wendung nimmt. Ein Babykätzchen plumpst ins Badewasser. Gelächter. Nächster Clip. Eine Perserkatze beißt in einen Kaktus und schaut dann ganz verdutzt – „Oh, wie süß!“. Das nächste Video ist ein Zusammenschnitt aus verschiedenen Katzen, die sich vor einer Gurke erschrecken. Ein Klassiker unter den Katzenvideos, von denen unzählige im Internet zu finden sind. Manche von ihnen wurden über 100 Millionen Male angeklickt. Sogar Fini hat bescheidene Berühmtheit erlangt, wird sie doch häufig von Gästen gefilmt und dann auf Instagram geteilt. Katzen müssen nicht besonders klug sein, wir finden sie trotzdem niedlich – oder vielleicht gerade deswegen. Aber sind sie denn so naiv, wie sie oft wirken? Teilweise ja.

Der Verstand der Katzen

Die Tierforscherinnen Kristyn Shreve und Monique Udell fassen in einem Aufsatz zusammen, was wir über das Denken von Katzen wissen. Wissenschaftler haben in verschiedenen Versuchen ihre geistigen Fähigkeiten auf die Probe gestellt. Bei den Tests schauten sie etwa, ob Katzen verstehen, dass Objekte nicht verschwinden, wenn sie sie nicht mehr sehen können. Oder ob Katzen erkennen, dass zwischen einer Schnur und einem daran gehängten Leckerli ein Zusammenhang besteht. Dabei schnitten die Stubentiger im Vergleich zu Hunden eher schlecht ab. Es könnte aber auch sein, dass Katzen einfach keine Lust auf Experimente haben.

Dauerhafte Faszination

Wenn die alten Ägypter Smartphones gehabt hätten, wäre der Katzenvideo-Hype schon viel früher losgebrochen. Sie haben die Tiere so verehrt, dass sie sich sogar die Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit als Katze vorgestellt haben. Dabei sind diese als Nutztiere für den Menschen gar nicht so wertvoll. Fini jagt Mäuse nur, wenn ihr danach ist. Sie gibt keine Milch, legt keine Eier und kann auch nicht Wache halten. „Was die Forschung an der Katze problematisch macht, ist gleichzeitig das, was viele so an ihr lieben: die Eigensinnigkeit“, so der Biologe Dennis Turner, der sich auf die Beziehungen zwischen Mensch und Hauskatze spezialisiert hat. Fini wirkt bei all der Aufmerksamkeit, die ihrer Spezies geschenkt wird, völlig gleichgültig. Sie streckt die Tatzen aus, gähnt und schläft wieder ein.


Katzeninfos

  • Schätzungen zufolge gibt es weltweit 200 Millionen Hauskatzen. Zu einem Katzenstaat zusammengefasst wären sie das Land mit der siebtgrößten Bevölkerungszahl.
  • Die älteste, vom Menschen gezüchtete Katzenart ist die Angorakatze.
  • Die an Lebensjahren älteste Katze der Welt wurde 34 Jahre alt. Sie lebte in England und hörte auf den Namen „Ma“.
  • Nicht nur in Teilen Chinas, werden Katzen verspeist. Auch in der Schweiz ist das Töten von Katzen für den Eigenverzehr erlaubt.
  • Als teuerste Katzenart gilt die Ashera GD, die keine Rassekatze, sondern eine gezüchtete Designerkatze ist. Sie kann bis zu 50 000 Euro kosten.

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