Am Rand von Wien befindet sich die Tiroler Alm. Klingt seltsam? Ist es auch. Die Tiroler Alm ist ein Gasthaus, wie aus Raum und Zeit gefallen. Fast wie ein Hexenhaus. Hier waltet und wütet Peter Zorzi seit einem halben Jahrhundert. Aber alt wird er nicht.
Das Fenster nach Tirol
Eine großgewachsene Frau schreitet durch die Holztür herein. Sie blickt leicht angewidert, wendet sich ab und trabt wie ein stolzer Lipizzaner ins Tageslicht hinaus. „Finstere Kammer“ hört man sie noch stänkern. Nicht jeder mag die Alm. Man muss das Altmodische mögen, das Gemütliche und den Schnaps. Es gibt Gäste, die die holzverkleideten Räume wie ein Museum durchschreiten. Sie erschaudern beim ausgestopften Fuchs im Raucherzimmer und staunen über die Alpen, die als beleuchtetes Bild an der Wand prangen. Wie ein Fenster nach Tirol. Das Inventar ist, gemeinsam mit dem Chef Peter Zorzi, in die Jahre gekommen. Aber gut erhalten.
Knödel und Schnitzel
„Das ist genauso wie damals, als…“, fängt er einen Satz an und sprudelt über vor Erzählungen über Eisenbahnfahrten und verflossene Geliebte. 76 Jahre hat Peter auf dem Buckel und wirkt doch wie ein junger Bub: „Wenn ich in die Berge will, fahr ich Samstagnacht nach Tirol und zu Mittag bin ich am Gipfel“. Zugegeben, der Haarschopf ist schon lichter und weißer geworden, zahlreiche Lachfalten umstrahlen die Augen, die dünne Haut lässt blaue Adern durchscheinen. Vom Tiroler Speckknödel bis zum Wiener Schnitzel bereitet er jedes Gericht selber zu.
Ein Stück Famliliengeschichte
Im Jahr 1925 kauft ein gewisser Leo Bauer das Lokal und betreibt es als Bäckerei. Er ist der Großvater von Peter Zorzi. Als 21-Jähriger übersiedelt der junge „Zorzl“ von Innsbruck nach Wien um im Familienbetrieb mitzuarbeiten. 1969 wird er Geschäftsführer. Jahrzehntelang war die High Society von ganz Wien da. Hier wurde getanzt, gesungen, geflirtet und gestritten. Heute herrscht weniger reger Betrieb. An einem normalen Abend verläuft sich eine japanische Rucksacktouristin, genauso wie der U-Bahnfahrer aus Niederösterreich in Peters Hexenhaus. Kurz vor Sperrstunde stößt noch der gestresste Kameramann hinzu.
„Wart a bissl, i kimm glei!“
„Wir brauchen Speckknödel!“, ruft die Kellnerin nach dem Chef. „Wart a bissl, i kimm glei!“. Ein Ruf, der für Peter fast so bezeichnend ist, wie für den Kuckuck der gleichnamige. Ob dieses „glei“ zehn Minuten oder eine Stunde bedeutet, weiß vorher niemand. Stierende Augen und zerzauste Haarbüschel. Peter ist grantig, weil er gerade in der Werkstatt gebastelt hat. „Müssen die genau essen, wann ich keine Zeit hab!?“ Er begutachtet den Bestellzettel und fängt zu hantieren an. Seine Schritte und Handbewegungen wirken, als wäre er von einer zu starken Batterie betrieben. Die
Knödel fertig angerichtet betritt der Wirt die Gaststube und schenkt stamperlweise Zaubertrank ein. Klaren Birnenschnaps. Für den U-Bahnfahrer, die Japanerin, den Kameramann und – natürlich – sich selbst. Genauso wie vor 50 Jahren.
